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80% der Diagnose ist Anamnese. Mythos oder Evidenzbasiert?

Die meisten von uns kennen diese Aussage und haben sie als „Wahrheit“ akzeptiert. Aber woher stammt sie eigentlich? Von einem Cochrane Review, oder Hippocrates? Hier die Auflösung.

Der Ursprung dieser Erzählung

Diese weltberühmte Aussage stammt von einer kleinen, 50-Jahre alten Studie im BMJ:

Bei 80 Patienten wurde die initiale Diagnose von ihrem Hausarzt mit der Diagnose nach zwei Monaten Klinikaufenthalt verglichen. Bei 83% wurde die initiale Diagnose bestätigt. Zu jeweils 9% änderten die körperliche oder die Labor-Untersuchung die spätere Diagnose.

Die aktuelle Evidenzlage

  • Interessanterweise haben vergleichbare Studien von 1992, 2000 und 2003, dieses Ergebnis bestätigt. Die Anamnese führte bei 76%, 79% und 78% zur schlussendlichen Diagnose.
  • Selbst ChatGPT erzielte 2024 bei 30 BMJ-Fallvignetten eine diagnostische Übereinstimmung von 77%.
  • Die Ausnahme war eine große kardiologische Studie von 1980 mit nur 56%. Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass die Bildgebung in einem spezialisiertes Krankenhaussetting relevanter ist.

Hier die Ergebnisse dieser Studien:

Meine Gedanken

Die „berühmten 80%“ wurden von anderen Studien bestätigt. Zu bedenken ist jedoch:

  • Ein Systematic Review scheint zu dieser Fragestellung nicht vorzuliegen. Vielleicht habe ich eine relevante Studie übersehen.
  • Die meisten Studien sind schon älter. Mittlerweile gab es technologische Fortschritte und anamnestische Fertigkeiten wurden vernachlässigt.
  • Die Studien wurden hauptsächlich in Krankenhäusern durchgeführt. In der Allgemeinmedizin könnte die Anamnese noch wichtiger sein.
  • Die „80%“ sind ein Durchschnittswert. Bei unterschiedlichen Symptomen (z.B. Dysurie vs. Bewusstlosigkeit) oder Diagnosen (z.B. Depression vs. Hypertonie) variiert die tatsächliche Aussagekraft der Anamnese deutlich.

Schlussfolgerungen für Hausärzte

Die Anamnese bleibt das zentrale diagnostische Instrument der Allgemeinmedizin. Sie ermöglicht die gezielte Nutzung aller anderen technischen Verfahren und kann Überdiagnostik vermeiden. In der (Krankenhaus-lastigen) medizinischen Ausbildung und in der Wissenschaft wird sie leider dennoch vernachlässigt.

Sir William Osler („Vater der modernen Medizin“) hatte recht, als er meinte:

„Höre deinem Patienten zu; er erzählt dir die Diagnose.“

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