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Teach-Back für Hausärzte: Ein evidenzbasiertes Kommunikations-Tool

Ursprünglich auf Medscape veröffentlicht, zeigt dieser Artikel, wie eine einfache, aber wirkungsvolle Gesprächstechnik das Verständnis und die Erinnerung von Patienten deutlich verbessern kann.

Viele Ärzte gehen davon aus, dass ihre Patienten alles verstanden haben. In der Realität haben jedoch rund die Hälfte der europäischen Erwachsenen Schwierigkeiten damit, Gesundheitsinformationen zu verstehen – und selbst gut informierte Patienten vergessen das Meiste. Besonders kritisch ist das, wenn wir neue Medikamente verordnen, Insulin anpassen oder Red Flags erklären.

Was ist die Teach-Back-Methode?

Sie ist verblüffend einfach: Patienten werden gebeten, das Besprochene in eigenen Worten zu wiederholen – um sicherzugehen, dass sie es verstanden haben, und um die Erinnerung zu festigen. Sie eignet sich für neue Verordnungen, Diagnosen, Therapieoptionen, Prognosen oder Verhaltensänderungen.

Warum ist das wichtig?

Studien zeigen, dass Patienten rund 50% der Information aus dem Arztgespräch nicht verstehen oder sich falsch daran erinnern. Diese „50%-Regel“ wurde in mehreren Untersuchungen zum Wiedergeben von Diagnosen und Verschreibungen bestätigt – mit zunehmendem zeitlichem Abstand stieg die Vergessens-Rate noch weiter.

Was sagt die Evidenz?

Die Datenlage ist klar. Ein Systematic Review im PLOS ONE (2020) zeigte in 19 von 20 Studien positive Ergebnisse. Ein neuer Review im Juni 2025 bestätigte diese Befunde. Die Methode verbesserte das Verständnis, die Erinnerung und manche klinischen Endpunkte – etwa Adhärenz, HbA1c-Werte und Krankenhaus-Wiederaufnahmen. Sie könnte sogar Schadenersatzklagen reduzieren.

Hier das Ergebnis einer prospektiven Kohortenstudie von 483 Notaufnahme-Patienten in den Niederlanden und einer retrospektiven Kohortenstudie von 2.901 Diabetes-Patienten in der Primärversorgung in den USA. Siehe:

Aufgrund dieser Evidenzlage empfehlen es heute zahlreiche Fachgesellschaften, darunter die American Academy of Family Physicians, die Agency for Healthcare Research and Quality und NICE in England.

Wie lange dauert das?

Zeit ist immer ein limitierender Faktor – aber Teach-Back geht rasch. Eine niederländische Studie in einer Notaufnahme zeigte, dass Teach-Back das Gespräch im Durchschnitt nur um 99 Sekunden (4:50 min statt 3:11 min) verlängerte. Das kann sich mehrfach auszahlen, auch durch weniger Rückfragen, weniger Missverständnisse und weniger unnötige Wiedervorstellungen.

Die Umsetzung in 2 Schritten

  1. Bitte den Patienten, das Wichtigste in eigenen Worten zu wiederholen.

    • „Nur um sicherzugehen, dass ich es gut erklärt habe: Wie nehmen Sie die neuen Tabletten ein?“
    • „Was erzählen Sie zu Hause Ihrer Frau über unseren Plan?“
    • „Wir haben heute viel besprochen – was würden Sie tun, wenn X passiert?“
  2. Wenn die Antwort fehlerhaft ist, erneut erklären und nochmal prüfen.

    • „Das habe ich wohl nicht gut genug erklärt – ich versuche es noch einmal anders zu formulieren.“

Wichtig: Die Verantwortung liegt bei uns als Erklärende, nicht beim Patienten. Nutze Missverständnisse als Hinweis darauf, die eigene Erklärung zu verbessern und achte auf einen nicht-wertenden Tonfall.

Praktische Tipps

  • Klein anfangen: Zunächst bei 1–2 Patienten pro Tag probieren.
  • „Chunk & Check“: Einen Punkt erklären → Teach-Back → nächster Punkt.
  • Geschlossene Fragen vermeiden: „Haben Sie alles verstanden?“ bringt meist nur ein höfliches „Ja“.
  • In eigenen Worten: Einfach ärztliche Formulierungen zu wiederholen bedeutet nicht Verständnis.
  • Für alle anwenden: Auch hochgebildete Patienten profitieren davon.
  • Dokumentieren: „Teach-Back durchgeführt; Patient wiederholte Dosierung, Kontrolltermin und Red Flags.“
  • Weitergeben: Durch Lehre lernt man und auch Studierende sollten davon wissen.

Mit einer Investition von 99 Sekunden kann man sicherstellen, dass die eigene Botschaft auch wirklich ankommt. Das verbessert das Verständnis, die Erinnerung und klinische Outcomes.

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